Mit dem Zug nach Norwegen: Ein Erfahrungsbericht

Zugstrecke in Norwegen
Bahnhof Opladen, Gleis 2: Normalerweise geht es von hier aus für uns nach Wuppertal, Freunde und Familie besuchen. Seltener vom gegenüberliegenden Gleis 1 nach Köln, zum Shoppen oder auch mal zur Arbeit. Doch dieses Mal liegt unser Ziel weiter entfernt, viel weiter. Wir wollen über den Polarkreis bis nach Lofoten – und zwar (weitestgehend) mit dem Zug! Da die ins Europäische Nordmeer ragende norwegische Provinz jedoch keinen eigenen Bahnhof hat, geht die Bahnfahrt bis ins nordländische Bodø, von wo aus wir für das letzte Stück das Postschiff nehmen.  Steigt mit uns in den Zug nach Norwegen und begleitet uns auf unserer Fahrt mit den „Öffis“ in den hohen Norden!

Norwegen mit dem Zug entdecken: Kosten und Zeitansatz

Norwegen ist, wie man es von Skandinavien gewohnt ist, ein teures Pflaster. Selbst für ein einfaches Essen bei den bekannten Fast-Food-Ketten zahlt man pro Person weit über 10 EUR (= 105 NOK). Zug in Norwegen Umso positiver haben uns die verhältnismäßig günstigen Zugtickets überrascht. So haben wir alle Fahrscheine von zu Hause aus bis nach Bodø für zwei Personen knapp 450 EUR bezahlt – und das für über 1800 km Luftlinie, mehr als 30 Stunden im Zug, zwei inkludierten Citytrips in Oslo und Trondheim, Ausblicke auf die wundervollen Landschaften Norwegens und 1. Klasse-Komfort auf fast allen Teilstücken. Natürlich ist die Provinz Lofoten – genau wie viele andere, teils abgelegene Orte in Norwegen – auch gut mit dem Flugzeug zu erreichen. Wir wollten jedoch einmal das Langsam-Reisen ausprobieren und haben dabei nicht nur an die Umwelt, sondern auch unsere Köpfe gedacht. Wie wir uns diese lange Reise aufgeteilt haben, lest ihr im Folgenden:

Etappe 1: Vom Rheinland nach Malmö

Die erste Etappe konnten wir glücklicherweise noch als zusammenhängendes Ticket bei der DB buchen. Das hat den Vorteil, dass man bei Sparpreisen zwar eine Zugbindung, jedoch bei Verpassen von Anschlüssen wegen Verspätungen Anspruch auf kostenlose Weiterbeförderung in späteren Zügen bis zum Zielort hat. (Ein Unding, dass das nicht überall in Europa so einfach ist!)

Vom Rheinland aus ging es mit dem IC der DB zunächst nach Hamburg. Die Strecke kann landschaftlich wohl als die langweiligste der Reise betrachtet werden, da sie (von wenigen Ausnahmen abgesehen) zumeist durchs Flachland führt. Entgegen aller Vorurteile und unzähliger negativer Erfahrungen auf Dienstreisen war der Zug dafür aber angenehm leer und ausgesprochen pünktlich, sodass wir in Hamburg – wo sich übrigens auch ein Zwischenstopp lohnen würde! – genug Zeit hatten, den Zug der DSB (Danske Statsbaner) nach Kopenhagen zu suchen. Entspannt im Zug Wir mussten auf diesem Teilstück übrigens schon die Umleitung im großen Bogen um Fehmarn und Lübeck herum nehmen, weil man in Dänemark bereits mit den Bauarbeiten für den Fehmarnbelttunnel begonnen hatte. So kamen wir in gemütlichen Sesseln immerhin in den Genuss der Rendsburger Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal und einiger weiterer Seebrücken auf dänischem Gebiet.

Zum Ende der 1. Etappe hieß es dann im schönen Kopenhagen, dem wir bereits bei unserer Reise auf die Färöer einen Besuch abgestattet hatten und das unbedingt sehenswert ist, Umsteigen in den Zug über die gigantische Öresundbrücke, die wir dann aber leider schon bei Dunkelheit überquert haben. Nach gut 10 Stunden war die 1. Etappe dann mit der Ankunft im schwedischen Malmö auch schon geschafft.

Etappe 2:  Von Malmö nach Oslo

Auch wenn die wenigen Eindrücke, die wir am Abend der Ankunft von Malmö sammeln konnten, sehr vielversprechend waren, ging es am nächsten Morgen direkt weiter. Die schwedische SJ brachte uns in kurzweiligen 2,5 Stunden nach Göteborg. Da wir dort bereits im April 2018 „Ein perfektes Wochenende“  verbracht hatten, wartete nach einer Stärkung in einem schönen Bahnhofsrestaurant mit der norwegischen Vy auch schon unser Zug Richtung Oslo, unserem ersten „richtigen“ Zwischenziel.

Während unserer Fahrt gen Norden wurde die Landschaft dabei – sehr zu unserer Freude, denn im Rheinland gibt es leider von Jahr zu Jahr weniger Schnee – immer weißer. Was wir nach unserer erneut pünktlichen Ankunft in Norwegens Hauptstadt alles erlebt und entdeckt haben, davon berichten wir dann in einem gesonderten Beitrag. Opernhaus Oslo

Etappe 3: Von Oslo nach Trondheim

Nach zwei schönen, aber (wie immer) auch etwas anstrengenden Sightseeing-Tagen in Oslo einfach am Bahnhof in den Zug stolpern und am Ziel in Trondheim wieder aussteigen – so hatten wir uns das vorgestellt. Doch ganz so einfach schien es nicht zu werden, denn bereits vor dem Einstieg wurde uns über Lautsprecher mitgeteilt, dass die Strecke wegen eines liegengebliebenen Güterzugs nicht befahrbar sei. Trotzdem sollten wir uns keine Sorgen machen und erst einmal einsteigen & losfahren. Deutsche Bahnfahrer wissen: das geht schief!

Geht es auch bestimmt, wenn man z.B. von Köln nach Berlin reisen möchte. Nicht so aber in Norwegen! Hier war ein Bustransfer an der Problemstelle vorbei perfekt organisiert. Und so konnten wir uns ganz entspannt auf die schneebedeckten Berge links und rechts der Strecke konzentrieren. Und die Verspätung in Trondheim, unserem zweiten längeren Zwischenstopp, über den wir euch natürlich auch noch berichten werden, war wirklich nicht der Rede wert. Trondheim

Etappe 4: Von Trondheim nach Bodø

Nach einer eintägigen Pause für unsere Hintern stand uns die letzte Zugetappe und gleichzeitig ein Filetstück dieser Reise bevor: die Nordlandsbahn! 729 Kilometer und fast 10 Stunden gemütliche Bahnfahrt durch Norwegens Winterwunderland vorbei an verschneiten Bergen, zugefrorenen Seen, wilden Elchen und schließlich über den Polarkreis. Kein noch so umfangreiches In-Flight-Entertainment kann so gut sein wie der Blick aus dem Fenster auf dieser Route. Wir haben im Vorfeld viele Empfehlungen gelesen, auf welche Seite man sich im Zug am besten setzten soll. Trotzdem sind wir aber zwischendurch immer wieder aufgestanden, um auch mal auf der anderen Seite oder sogar am Heckfenster zu schauen und staunen. Bei der Ankunft in Bodø waren wir wirklich zum ersten Mal richtig traurig, dass eine Bahnfahrt schon vorbei war. Kein Wunder also, dass Lonely Planet diese Strecke zu den schönsten Nachtzügen Europas zählt (Stichwort: Nordlichter). Tagsüber ist es aber, wie gesagt, auch wunderbar! Blick aus dem Zugfenster

Etappe 5: Von Bodø nach Svolvær (Lofoten)

Da die Lofoten – wie eingangs beschrieben – keinen Bahnhof haben, musste die letzte Etappe unserer Anreise auf anderem Wege erfolgen. Von Bodø aus bieten sich mehrere Möglichkeiten: Neben einer Busverbindung über Narvik und mehreren Fährverbindungen halten auch die Hurtigruten-Schiffe sowohl in Bodø als auch in Svolvær. Die bei uns in Deutschland eher als Kreuzfahrt-Linie bekannte Reederei betreibt aber tatsächlich Postschiffe, mit denen man auch von Hafen zu Hafen fahren kann und auf denen heutzutage wohl aus Rentabilitätsgründen auch größere Schiffs(rund)reisen angeboten werden. Leider sind die kurzen/kürzeren Passagen außerhalb der angebotenen Paket-Reisen mittlerweile nur noch ab einen Monat vor der Abfahrt „spontan“ und je nach Kapazität zu buchen. Da wir Hurtigruten als unerfahrene Schiffsreisende aber unbedingt einmal im überschaubaren Rahmen ausprobieren wollten, haben wir uns für diese Möglichkeit entschieden. Hurtigrutenschiff Und was sollen wir sagen? Es lief tatsächlich nicht so gut. Das Schiff war wegen eines Motorproblems zu spät (und alle Kreuzfahrer hatten deshalb zuvor auch noch den Abschnitt Bergen-Trondheim verpasst), der Wellengang ließ uns übel werden und das Wetter erlaubte nicht die erhofften schönen Ausblicke, für die die Hurtigruten so bekannt sind. Zudem empfanden wir die Aufenthaltsbereiche als unangenehm voll, wenn man bedenkt, dass die Kabinen zumeist klein sind auf den Schiffen. Trotzdem hatte das Gefühl der Schifffahrt auf dem rauen Nordmeer etwas Gemütliches. Und immerhin sind wir nach gut sechs Stunden auf See sicher und gut an unserem Ziel, den Lofoten, angekommen. Nach insgesamt acht Tagen, von denen wir an fünf unterwegs waren. Wie es uns an unserem Ziel ergangen ist, dass berichten wir euch ein anderes Mal.

Piraten-Fazit

War die Anreise zeitaufwändig? Ja!
Hätte uns das Flugzeug eine Woche Urlaub gespart? Ja!
Können wir eine Fahrt mit dem Zug nach Norwegen trotzdem weiter empfehlen? Ja!
Warum zur Hölle? Gut, diese Antwort bekommen wir nicht mit einem Wort hin. Also:

Wir lieben das Fliegen. Dieses Gefühl im Bauch, wenn das Flugzeug abhebt. Der Blick aus dem Fenster, wenn bekannte oder unbekannte Gegenden ganz klein und unwirklich unter einem liegen. Und dann diese spannenden Momente im Landeanflug und beim Öffnen der Türen, wenn man neugierig schaut, was einen erwartet. Auch Flughäfen sind ganz faszinierend, denn hinter jeder Tür (oder auch „Gate“) liegt ein ganz anderer Ort – irgendwo in unserer wunderbaren Welt. Trotzdem hat uns auch diese (Zug-) Reise in ihren Bann gezogen. Man schaut aus dem Fenster. Sieht, wie sich die Landschaften ganz langsam verändern. Und hat am Ende irgendwie das Gefühl, man hat sich jeden einzelnen Meter erarbeitet. Obwohl man eigentlich ja nur rumgesessen (oder zur Abwechslung man rumgestanden) hat. Weil man bei jedem einzelnen Meter dabei sein konnte und ihn live mit den Augen erlebt hat. Man nimmt die Entfernung viel bewusster wahr. Ist (klug gewählte Umsteigezeiten vorausgesetzt) nicht im Stress, weil sowieso alles lange dauert. Und bekommt dadurch einen sehr freien Kopf und ein angenehmes Gefühl der Entspannung.

Natürlich werden wir auch wieder fliegen. Kaum jemand hat die Zeit, jedes Mal mit dem Zug zu verreisen. Grade wenn das Ziel etwas weiter entfernt ist und es nicht einmal lohnenswerte Zwischenziele auf dem Weg gibt, sodass man quasi zwei (oder mehrere) Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte. Aber: wir freuen uns definitiv auf unsere nächste Bahnreise – hoffentlich in einer ähnlich schönen Umgebung wie auf unserer Reise mit dem Zug nach Norwegen!

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