Korruption in Südafrika: Der Tag, an dem die Polizei uns beklaute

Landstrasse in Südafrika
Korruption in Südafrika, ein heiß diskutiertes Thema. Auch wir sind auf unserer Reise mit diesem Problem in Berührung gekommen. Was sich zugetragen hat und wie wir schlussendlich damit umgegangen sind, davon handelt dieser Blogbeitrag.

Eine dubiose Verkehrskontrolle

Wir haben die verregnete Coffee Bay vor einiger Zeit hinter uns gelassen, als wir im Rückspiegel das Blaulicht tanzen sehen. Wir kommen nach kurzer Zeit am Fahrbahnrand zum Stehen. „Wisst ihr, wieso wir euch angehalten haben?“ fragt die junge Polizistin lächelnd. Dabei lugt ihr goldener Schneidezahn frech hervor und bildet einen ausgesprochen interessanten Kontrast zu ihrer dunklen Haut und den blitzweißen Zähnen. „Einmal mit zum Streifenwagen kommen, bitte” Wir steigen aus und sind uns keinerlei Schuld bewusst. Seit mehr als 20 Minuten sind die Cops nun schon hinter uns auf dieser Landstraße her geschlichen, wir haben sie im Rückspiegel gesehen. Kam uns schon komisch vor, denn wir sind mit Abstand die langsamsten hier draußen und werden von allen anderen – oft fluchend und hupend – mit einem Affenzahn überholt. Wir gehen zum Streifenwagen, wo uns ihr (warum auch immer) mit einer FC Bayern-Fanmütze ausgerüsteter Kollege in afrikanischem Slang schildert, was wir Schlimmes verbrochen haben. Dabei hält er uns einen Strafenkatalog unter die Nase. Angeblich haben wir in der Nähe einer „garage“ auf eine sich öffnende Spur gewechselt – ohne zu blinken. „Very dangerous“ gibt Herr Kommissar theatralisch zu verstehen, während seine Kollegin entschlossen nickt. „Entering of lane unsafely“ nennt es der Bußgeldkatalog. Kostet umgerechnet etwas über 30 Euro – ein wahres Schnäppchen. Leider können uns die beiden Polizisten nicht einmal sagen, ob mit der Vokabel „garage“ in unserem Fall eine Tankstelle, eine Werkstatt oder tatsächlich eine Garage gemeint ist. Wir können uns auch nicht erinnern, irgendwann die Spur gewechselt zu haben. Wozu auch? Wir sind so langsam unterwegs, wir schaffen es eh nicht, jemanden zu überholen. Wir werden stutzig. Die beiden Beamten sehen sich unsere Pässe an. „That’s bad“ raunt er und erklärt uns ferner, dass noch leider 100% Aufschlag auf uns zu kämen, da wir keine Südafrikaner seien. Macht also mehr als 60 Euro. Nur bar, direkt vor Ort zu zahlen. Eine Quittung könne man uns aber leider nicht ausstellen, da es keine Formulare für Ausländer geben würde, gibt Kollegin Goldzahn auf Nachfrage mit gespielter Traurigkeit zu verstehen. Aber sicher doch. Wir erklären, dass wir nicht wissen, ob wir genug Bargeld dabei haben. Natürlich haben wir das. Aber die Geschichte stinkt nun mal bis zum Himmel und die ganze Situation hat nichts mit den geordneten und entspannten Verkehrskontrollen gemein, die wir bisher im Land erlebt haben.

Ein Fall von Touristenabzocke

Wir hatten schon vor unserer Reise von solchen Situationen im Internet gelesen. Dass Touristen irgendeines Verkehrsdeliktes beschuldigt werden und die Bußgelder bar und ohne Quittung vor Ort gezahlt werden müssen. Direkt in die Tasche der unehrenhaften Beamten. Denn auch in Südafrika dürften Strafzahlungen nur gegen Ausstellung eines Beleges entgegen genommen werden. Korrupte Polizisten versuchen ihr Glück augenscheinlich trotzdem immer mal wieder. Ein beliebtes Gebiet für solche Touristenabzocke liegt rund um den Krüger Nationalpark. Aber hier, hunderte Kilometer von den Touristen-Hotspots entfernt, hatten wir sowas nicht vermutet. Wir schlagen vor, dass wir doch einfach zur Wache fahren können und dann dort mit Karte zahlen würden. Auch das lehnen die Polizisten lächelnd aber bestimmt mit folgenden Argumenten ab: 1. Liegt die Wache viiiiiiel zu weit weg. Es würde Stunden dauern, bis wir da wären. Dann müssten wir ggf. die Nacht dort verbringen, so weit weg ist die Wache. Den benannten Ort verstehen wir leider nicht. Ob das jetzt an unseren schlechten Ohren oder dem starken Akzent der Cops liegt, vermögen wir nicht zu sagen. 2. Müssten wir unseren (voll beladenen) Wagen hier am Straßenrand mitten in der Pampa stehen lassen und mit dem Streifenwagen zur Dienststelle fahren. Warum kann oder will man uns nicht erklären. 3. Unsere Papiere (Führerschein und Pässe) bekämen wir erst zurück, wenn wir gezahlt hätten. Wir müssen zugeben, dass uns dieser Punkt am aller wenigsten gefällt. Wir sehen uns an. Wütend und etwas fassungslos. Denn noch nie haben wir uns in irgendeinem Land dieser Welt so unwohl und hilflos gefühlt, wie in diesem Moment. Wir wissen, dass das, was die beiden da tun, verboten ist. Dass wir nichts gemacht haben und auch den beiden ebenfalls sehr bewusst ist, was sie da grade tun. Nämlich zwei weißen und damit vermeintlich „wohlhabenden“ Touristen, die sich rechtlich weder auskennen und somit kaum zur Wehr setzen können, um ihr Geld zu bringen. Und dass diese 60 Euro niemals in die Staatskasse wandern werden, sondern in die eigenen Taschen.

Warum wir trotzdem gezahlt haben

Aber was haben wir denn für eine Wahl? Wir sitzen irgendwo im Nirgendwo fest, unsere Pässe hat man uns abgenommen bis wir zahlen. Wir werden gerade erpresst und beklaut. Von zwei ansonsten sehr freundlichen Verkehrspolizisten. Klar, wir könnten die Polizei rufen. Aber mal ehrlich: wenn es schlecht läuft, sind die genau so drauf wie ihre Kollegen und am Ende sind wir nur noch mehr Geld los. In unseren Köpfen rattert es. Wir sehen uns vor unserem geistigen Auge beim Versuch des Widerstandes schon mit klickenden Handschellen über die Motorhaube gebeugt mit der Aussicht auf eine Nacht hinter schwedischen – pardon, südafrikanischen – Gardinen. Und: sind die zwei eigentlich bewaffnet? Wir wollen es eigentlich lieber gar nicht wissen. Wir beraten uns kurz und kommen zähneknirschend zu dem Schluss, dass es für uns und den Verlauf dieser Reise das Beste ist, den beiden Ganoven die 60 Euro zu überlassen. Wutschnaubend holen wir das Geld aus dem Wagen und überreichen es. „Wir werden eure Mietwagenfirma informieren, die schickt euch dann die Zahlungsbestätigung zu.“, sagt sie. Alle vier wissen, dass das gelogen ist. Schnell versucht ihr Kollege die mittlerweile angespannte Stimmung etwas zu lockern, indem er sich bemüht uns ein lockeres Gespräch über die Fussball-Bundesliga aufzuzwingen. Aber mal ehrlich: wir haben wirklich keine Lust auf einen Plausch mit jemanden, der gerade im Begriff ist unsere Reisekasse zu plündern. Wir kehren zu unserem Wagen zurück und lassen den Motor an. Im Rückspiegel sehen wir die Polizistin, die uns sehr souverän und voller Inbrunst von dem 5m breiten Standstreifen auf die menschenleere Landstraße zu lotsen versucht. Entweder hat uns die Dame nicht zugetraut, dass wir Trottel das alleine schaffen. Oder das letzte Bisschen Polizistenehre hat sich doch noch gemeldet und von ihr für die 60 eingetriebenen Euro wenigstens etwas Einsatz gefordert.

Von Moral und Prinzipien

Dieser Vorfall hat uns einige Zeit beschäftigt und nicht nur Teile unserer Reisekasse sondern auch wertvolle Urlaubsstunden gekostet. Zeit, die wir eigentlich mit schönen Gedanken und tollen Erinnerungen füllen wollten. Die wir aber, dank der beiden Uniformträger mit Wut, und Fassungslosigkeit aber auch mit tiefsinnigen und teilweise traurigen Gedanken verbrachten. Nun zu behaupten, wir hätten uns sehr geärgert, wäre die Untertreibung des Jahres. Wir waren sauer. So richtig sauer. Und es war anfangs schwierig damit umzugehen. Dabei lag das Hauptproblem nicht einmal darin, dass wir um 60 Euro geprellt wurden. Zwar ist das auch für uns viel Geld, dass wir gerne in andere Aktivitäten investiert hätten, aber wir sind glücklicherweise in der komfortablen Lage, dass so ein Verlust verkraftbar ist. Es ging uns schlichtweg ums Prinzip. Ob das jetzt mit unserem Beamtendasein zusammenhängt vermögen wir nicht zu sagen. Aber wir haben beide eine sehr genaue Vorstellung davon, wie sich Einsatzkräfte zu verhalten haben. Wenn du eine Polizeiuniform trägst, dann erwarten wir nicht von dir, dass du unser Freund bist. Aber auf das „Helfer“ möchten wir uns schon verlassen können. Polizist ist für uns nicht nur ein Job, sondern eine Form der inneren Einstellung. Es geht auch ein Stück weit um Anstand und Ehre. Und Menschen, die ihre Machtposition ausnutzen um anderen zu schaden, die haben ein ausgesprochen beschissenes Moralgefühl. „Skrupelloses, korruptes Arschloch“ wäre wohl das, was uns zu einem vergleichbaren Fall in Deutschland eingefallen wäre. Aber das hier war nicht Deutschland. Und wie sagte Vati schon früher immer so schön „Wenn zwei das gleiche tun ist es noch lange nicht dasselbe.“

Dorf an Landstraße

Korruption in Südafrika: ein Erklärungsversuch

Nachdem die erste Woge der Wut abgeflacht und die Rauchwolke über unseren aufgeregt kochenden Köpfen sich aufgelöst hatte, dachten wir weiter nach. Wir erinnerten uns an das, was wir in Lesotho erlebt hatten. Wie selbst Kleinkinder von ihren Familien zum Geldeintreiben missbraucht wurden. Dort kamen wir zu dem Schluss, dass wir das nicht Gutheißen und Unterstützen möchten. Aber auch, dass diese Leute es wahrscheinlich anders machen würden, wenn sie könnten. 2017 lag das durchschnittliche Einkommen eines Südafrikaners bei monatlich 401 € (Quelle: länderdaten.info ). Und es ist ein offenes Geheimnis, dass hellhäutige Südafrikaner bis zum fünffachen dessen verdienen, was dunkelhäutige Afrikaner für ihre Tätigkeiten bekommen. Nur eines von vielen hässlichen Relikten der Apartheid. Denn auch 25 Jahren nach Beendigung dieser kann von Gleichberechtigung in Südafrika keine Rede sein. Ein gefährlicher Zustand, der zu viel Raum für Korruption und Kriminalität lässt. Und der wahrscheinlich wesentlich zu Vorfällen wie dem von uns beschriebenen beiträgt. So kamen wir beide zu dem Schluss, dass wir aus moralischer Sicht ein solches Verhalten von Polizisten niemals würden gutheißen können. Aber wir bekamen wenigstens eine grobe Vorstellung von dem Motiv hinter der Aktion. Wahrscheinlich würden die zwei Cops auf einsamen Landstraßen nicht verloren wirkende Touristen um ihr Geld bringen, wenn sie mit ihrem Job, dem Gehalt oder wenigstens ihren allgemeinen Lebensumständen zufrieden wären.

Eine Frage des Gewissens

Zu unserer Schande müssen wir gestehen, dass wir in der ganzen Aufregung völlig vergessen haben, uns das Kennzeichen des Streifenwagens zu notieren. Trotzdem hätten wir uns mit einer recht detaillierten Beschreibung von Personen, Zeit und Ort an die Korruptions-Beschwerdestelle wenden können. Wir entschieden uns jedoch dagegen. Unser Geld waren wir ohnehin quitt, das konnten wir eh abschreiben. Aber auch, wenn die beiden ehrlosen Polizisten es aus rein subjektiver Sicht mehr als verdient hatten, dass wir den Vorfall meldeten, so machten wir uns Gedanken über die Konsequenzen des ganzen. Würde man die zwei tatsächlich ausfindig machen können, so wären sie wahrscheinlich ihren Job los. Man kann über das deutsche Sozialsystem denken und sagen, was man will. Aber zum Leben reicht es am Ende immer irgendwie. In Südafrika ist das nicht der Fall. Es würde bei Jobverlust der soziale Totalbsturz drohen. Und dabei wahrscheinlich die ganze Familie mit in den Abgrund gerissen. Das konnten und wollten wir schlussendlich nicht verantworten. So sehr die beiden Gauner einen Denkzettel verdient hatten, so unverhältnismäßig wäre es gewesen, Ehepartner, unschuldige Kinder und vielleicht alte und kranke Eltern bzw. Großeltern ins Verderben stürzen. Und somit den Kreislauf aus Kriminalität und Korruption nur weiter voran treiben. Eventuell haben sich die beiden bei ihrer ganzen verwerflichen Aktion nicht einmal etwas wirklich böses gedacht. In ihren Augen tat uns der Verlust des Geldes wahrscheinlich nicht sehr weh. Aber für die zwei waren die jeweils 30 Euro eine unvorstellbar hohe Summe und ein mehr als lukrativer Nebenverdienst. Erinnert ein wenig an Robin Hood, der von den Reichen stahl um es den Armen zu geben. Haben wir wirklich das Recht diesen Menschen zu verübeln, dass sie das Beste für sich und ihre Liebsten rausholen wollen? Wohl kaum, auch wenn die Vorgehensweise trotz allem nicht in Ordnung ist und von uns niemals gut gefunden werden wird. Aber wahrscheinlich würden sie anders handeln, wenn das Leben ihnen die Möglichkeiten dazu gegeben hätte. Wenn sie nicht in einem Land leben würden, in dem die Arbeit auch im Jahr 2019 noch nach Hautfarbe und nicht nach Leistung bezahlt wird und der Teint maßgeblich über den finanziellen und gesellschaftlichen Stand entscheidet.

Piraten-Fazit

Wir geben an dieser Stelle zu, dass wir lange überlegt haben, ob und wie wir euch diesen Vorfall schildern wollen. Dabei geht es uns nicht darum, eine Diskussion über Hautfarben, Kriminalität und Korruption zu starten. Aber es ist uns eine Herzensangelegenheit darauf hinzuweisen, dass solche Dinge passieren können. Und zwar nicht immer nur „den anderen“, sondern auch tatsächlich einem selbst. Der Tatsache muss man sich Bewusst sein, wenn man sich dafür entscheidet, einen Schritt vor die relativ sichere deutsche Haustüre zu wagen und in die weite Welt hinaus zu ziehen. Die Uhren in Afrika ticken anders. Und hinter jeder Ecke kann eine Situation auf euch warten, die euch an eure Grenzen bringt. Und in der ihr vielleicht ganz alleine entscheiden müsst, was am Ende das Richtige ist.

Was wir zum Schluss noch los werden möchten…

Sollte dieser Text es unwahrscheinlicherweise jemals bis zu den beiden besagten Cops schaffen, so möchten wir an dieser Stelle folgendes mitteilen: Ihr seid skrupellose, korrupte Arschlöcher und es ist eine echt miese Geschichte, als Polizist andere Menschen zu beklauen. Wenn man euch nicht trauen kann, wem denn dann? Aber wahrscheinlich seid ihr auch ein besorgter Vater und eine liebende Ehefrau, die nur das beste für ihre Familien wollen. Und es tut uns in der Seele weh, dass ihr solche Wege einschlagen müsst, um es euren Liebsten gut gehen zu lassen. Wir hoffen, ihr habt unsere kleine „Spende“ dazu genutzt, euch mit euren Leuten den Bauch vollzuschlagen, eine Arztrechnung zu begleichen oder eure jüngsten mit neuen Schulbüchern auszustatten. Und wir wünschen euch von Herzen eine Welt, in denen es in Südafrika auch für dunkelhäutige Polizisten zu einem guten Leben reicht, einfach ihren Job zu machen und als „Freund und Helfer“ für andere da zu sein.

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